Book Of The Week Horsemanship The Revelations


Davis, Holly (2014). Horsemanship: The Revelations.

Geschichte hinter der Buchauswahl

Lucky ist tot.

Sie starb zwei Tage nach meinem 40. Geburtstag, fast exakt fünf Jahre nach unserer ersten Begegnung.

Lucky war ein Pferd.

Das wichtigste, das es in meinem Leben gegeben hat,

auch wenn es vielleicht noch viele geben wird.

Lucky hat mir mehr beigebracht als die meisten Bücher und Menschen:

Über Gott und das Leben.

Sie war meine Lehrerin.

Jetzt ist sie über die Regenbogenbrücke gegangen.

Das war ihre Entscheidung.

Die gilt es zu akzeptieren.

Sie lehrt mich auch damit noch viel.

Was genau, wird sich zeigen.

Ich vermisse sie unendlich.

Natürlich muss ich in einer solchen Woche über Pferde schreiben. Und natürlich findet sich in meinem „zu lesen“ Regal auch immer ein Pferdebuch. Dieses hier ist in Englisch, aber ich schreibe heute ausnahmsweise trotzdem darüber in Deutsch, denn mit Lucky habe ich auch Deutsch gesprochen. Nicht, dass das sonderlich wichtig wäre für ein Pferd. Aber so sind wir Menschen eben — wir haben unsere Gewohnheiten und unsere Sentimentalitäten um Dinge gruppiert, die eigentlich unwesentlich sind. Pferde sind da schlauer. Überhaupt sind Pferde (und die meisten anderen Tiere) die besseren Menschen. Wir können viel von ihnen lernen — auch von diesem Buch.

  1. Heilen
Davis 5

Pferde können heilen — mehr als andere Tiere. Bedeutet das, wir nutzen sie aus? Ich denke nicht. Davis schreibt das hier auch so. Wir brauchen einander in einer ergänzenden Weise, nicht in einer “ausnutzenden.” Bei Pferden in den zivilisierten Ländern heutzutage ist das ganz einfach zu erklären. Sie könnten kaum Überleben, würden wir sie nicht füttern. Sie füttern uns mit ihrer Liebe. Die ist genauso, wie wirkliche und daher bedingungslose Liebe. Sie fordert nichts. Sie hat keine Agenda. Sie gibt ohne Erwartungen. Sie nimmt ohne falsche und übertriebene Dankbarkeit.

Es stimmt für mich, was Davis hier schreibt: „How can we know you if you do not know yourself?“ In diesem “knowing yourself”, dem Lernen, wer man wirklich ist, liegt wahre Heilung. Das kann man auch ohne Pferde erreichen, aber mit Pferden geht es besser oder schneller, womit ich nicht sagen will, dass es hier um einen Wettkampf geht. Davis schreibt an vielen Stellen von „awakening“ und „enlightenment“. Sie schreibt dabei nicht explizit von Gott. Gemeint ist damit aber das gleiche. Es kommt einfach darauf an, wo wir im Leben stehen und welcher Plan für uns vorgesehen ist. Einige von uns führt der Weg eben zum Pferd, weil dort besondere Erfahrungen warten, die uns uns selbst näher bringen.

Nicht jeder möchte diese Erfahrungen machen.

Und das ist ok so.

Nicht jeder möchte die Höhle verlassen, um vom Licht geblendet zu werden.

Das tut erst mal weh,

bevor man die Schönheit der Wahrheit erkennt.

Lucky hat immer geheilt; mit jedem Blick und jeder Geste; mit jedem Schnaufen und Wiehern. Sie hat Tränen getrocknet, wenn es welche gab. Und sie blieb ruhig, wenn es Unruhe gab. Sie hat niemand dazu gezwungen. Sie musste dafür nichts Besonderes tun. Sie war einfach sie selbst. Keiner konnte sie verbiegen. Keiner konnte sie dazu zwingen, in einem dämlichen Viereck zu laufen, wenn doch draußen die Freiheit wartete. Keiner konnte ihr den Appetit verderben, auch wenn da noch so wenig Gras war. Lucky wusste, was Genuss war. Sie kannte den Genuss des Lebens. Genuss ist das, was wir Menschen uns verbieten, weil wir immer etwas anderes zu tun haben.

Lucky hat wirklich gelebt.

Jede Sekunde ihres Daseins.

Damit ist jede Sekunde eine Ewigkeit wert.

Genau die Ewigkeit,

die wir uns wünschen,

wenn wir in die Augen unserer Liebe schauen

und auf den Sonnenuntergang am Meer.

Lucky wusste das alles.

Und wenn man ihr zuhörte,

lernte man das.

Lernen kann man nur mit offenen Ohren und offenen Augen

Und die bekommt man nur

mit einem offenen Herz.

2. Wertung

Davis 27

Egal, in welche spirituelle Lehre man schaut — es gibt dort immer irgendwo einen Punkt, der so ähnlich lautet wie: „werte nicht“. Mit Wertung ist das gemeint, was wir (im wenig bewussten Zustand) quasi 24 Stunden am Tag tun, ohne es überhaupt zu merken. Wir bewerten alles und jeden um uns herum: das Wetter, die Dummheit der anderen, unsere eigenen Fehler. Wir machen uns und andere damit ständig runter. Doch auch das Gegenteil geht mit Wertung einher. Auch wenn wir sagen: “Oh, das ist aber ein schönes Kleid” oder “Du bist aber lieb”, werten wir. Warum kann das alles nicht einfach so sein wie es ist — weder gut noch schlecht?

Für Pferde ist nichts gut oder schlecht nach menschlichen Maßstäben. Bei ihnen ist richtig und gut, was sich genauso anfühlt. Und dabei spielt die Zeit, wie es Davis hier auch schreibt, eine entscheidende Rolle. In jedem Moment kann etwas anderes „richtig“ und „gut“ sein. Wir Menschen fühlen uns nicht in jedem Moment gleich. Aber trotzdem hängen wir uns gern an ein erdachtes Gerüst, das uns sagt, wie alles zu sein hat — und zwar immer und zu jeder Zeit. Das gibt uns Sicherheit.

Pferde haben so etwas nicht nötig.

Sie wissen immer,

wer sie sind

und wer wir sind

oder eben nicht.

Lucky wusste das auch.

Deshalb verzeihen Pferde uns auch, wenn wir wütend auf sie sind oder traurig und unsere Traurigkeit bei ihnen lassen. Sie können Grenzen setzen. Sie wissen, dass das UNSERE Wut und UNSERE Traurigkeit ist. Sie sind dafür nicht verantwortlich. Und dann zeigen sie uns ihre Grenzen, indem sie welches Spiel auch immer wir uns einfallen lassen, nicht mitmachen. Es braucht keinen Streit. Menschen streiten ständig, eigentlich mit uns selbst. Lucky hat mir immer gezeigt, wo ihre Grenzen sind — und damit auch meine. Ich habe sie dafür verteufelt am Anfang. Was habe ich mir ein Pferd gewünscht, das es mir ausnahmsweise mal „einfach“ macht. Später habe ich mich selbst dafür gehasst, dass ich das mal gedacht habe. Und noch später habe ich gelernt, dass beides falsch war.

Ein Pferd nimmt uns bedingungslos an, sofern wir es lassen. Wir stehen uns dabei pausenlos selbst im Weg, weil wir es nicht anders kennen. Wir lieben uns selbst nicht und können die wahre Liebe anderer daher auch nicht zulassen. Dabei macht es keinen Unterschied, wie oft wir als Pfarrer oder sonstiger Gutmensch theoretisch darüber reden. Ein Pferd liebt uns auf eine ganz unsentimentale Weise. Es zeigt einfach deutlich, wann es uns vertraut. Vertrauen ist die Basis für alles. Wenn das fehlt, ist alles nichts. Auch die schönsten Worte sind dann genau das: nur Worte. Das soll nicht heißen, dass es auch begeisterte Pferdemenschen gibt, denen Einfühlungsvermögen und Heilung fremd ist. Sie wollen einfach nur „Herr“ über ihr Pferd sein und das Pferd macht das mit. Auch das ist ein Spiel, das wir bei den Menschen kennen. Alles beruht auf Wechselseitigkeit. Das ist das Gesetz der Natur.

Gutes fällt Bösem zum Opfer.

Reichtum zieht Neider an.

Mit Liebe hat das nichts zu tun.

Pferde interessiert das nicht.

Sie nehmen die Welt,

wie sie ist.

Und sie finden ihren Platz darin,

ganz natürlich und ohne wertende Kategorien.

3. Entscheiden

Davis 197

Dieser Punkt zum Entscheiden hat viel mit dem Thema Wertung oben zu tun, steht aber noch mal für sich. Denn hier geht es um etwas, das sehr viel mit unserer Beziehung zu Gott zu tun hat. Es geht darum, dass wir uns nicht spüren, dass wir nicht eins sind mit uns und unserer Quelle. Ein Lebewesen, das ganz mit dem Universum schwingt, hat keine Entscheidungsprobleme. Es denkt nicht zuallererst daran, was andere sagen oder was der eigene Kopf zu einer Sache sagt. Es denkt mehr oder weniger gar nicht, denn es spürt intuitiv, was gut ist.

Dieses Beispiel des Ponys, das nach einer Krankheit lieber nachts im Stall schlafen wollte, obwohl „Eingesperrtsein“ eigentlich dem Freiheits- und Fluchtdrang der Pferde widerspricht, ist ein wunderbares Beispiel. Es ist so klar! Es braucht noch nicht einmal Pferdekommunikation und sonstige spezielle Fähigkeiten. Das Pferd entscheidet offensichtlich durch seinen Gang zum Stall, dass es dort schlafen möchte, weil es ihm dort besser geht als unter rivalisierenden Artgenossen draußen. Kinder haben das auch in sich. Babies noch mehr. Nur wir Erwachsenen haben das oft verloren, diesen unmittelbaren Draht zwischen unserem wirklichen Sein und dem, was man vielleicht so oder so machen sollte oder könnte, weil es eben andere so machen oder wollen.

Lucky hat mir immer gezeigt, was richtig für sie war.

Und sie hat mir gezeigt, wer ich wirklich bin.

Das war nicht immer einfach,

aber ohne sie wäre ich heute nicht,

wer ich wirklich bin —

nach innen und nach außen.

Lucky, Du hast mir Türen aufgemacht.

Ich hatte den Mut, hindurch zu gehen.

Und jetzt traust Du mir offensichtlich zu,

den Weg weiter allein zu gehen —

zumindest ohne Dich.

Ich weiß, dass Du zuschaust.

Und ich weiß, dass ich Dich nie vergessen werde –

Dein Fell, Deinen Geruch, Deinen Blick,

Deine Wimpern und Deine Lippen.

Bitte lass mich immer spüren,

wenn ich dabei bin,

mich zu verlieren.

Erinnere mich,

wie es ist,

wenn man eins ist mich sich.

Du wirst mir zeigen,

was der nächste Schritt ist.

Und ich weiß,

dass Deine Freunde mich finden werden.

Da ist eine Welt,

die öffnet sich gerade.

Du hast mir ihre Sprache beigebracht,

ich werde sie besser verstehen lernen.

Dazu brauchte es nur Dich

Und Dein Vertrauen.

Ich spüre das,

auch wenn Du nicht mehr hier bist.

Du wirst immer bei uns bleiben.

Ich werde weiter über Dich weinen,

und ich werde noch öfter über das Glück strahlen,

das Du mir gebracht hast.

Tschüs, Lucky…

Ich danke Dir

Und Deiner Pferdemama.

Reflexionsfragen

1) Gibt es ein Tier, von dem Du sagen würdest, es hat bei Dir heilende Wirkung gehabt? Wenn nicht, kannst Du Dir so etwas vorstellen?

2) Ertappst Du Dich manchmal dabei, dass Du Menschen bewertest, weil Du einer bestimmten Konvention folgst, die Dir von anderen suggeriert wurde? (z.B. jemand ist dick, arrogant, ein Außenseiter, verrückt…) Wie wäre Dein Leben, wenn Du das lassen würdest?

3) Kannst Du Dich an eine Zeit erinnern, in der Dir Entscheidungen besonders schwer gefallen sind? Was war der Grund? Waren es rückblickend „gute“ oder „schlechte“ Entscheidungen?

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