Story hinter der Buchauswahl
Dieses Buch hat mich über einen Coaching-Newsletter gefunden. Ich lese den Newsletter so gut wie nie, aber diesmal hatte der Betreff meine Aufmerksamkeit erregt. Es ging um eine Analogie zu Momo (Hauptfigur in einem Roman von Michael Ende) und um Storytelling. Der Artikel selbst war aufgrund eines technischen Fehlers gar nicht in Gänze verfügbar. Aber das machte nichts. Der Autor interessierte mich trotzdem. Ich vernetzte mich mit ihm auf LinkedIn und es kam zu einem kurzen Austausch. Daraufhin erwähnte er seine Buchtitel. Ich bot an, über eines der Bücher zu bloggen (was hiermit geschieht). Und ich entschied mich für „HIRNgeküsst“, was aufgrund meiner Beschäftigung mit Neurodivergenz in Coaching, Seelsorge und darüber hinaus sicher nicht verwundert. Nur wenige Tage später fand ich das Büchlein mit einem persönlichen Gruß in meinem Briefkasten. Da sage doch mal einer, dass soziale Netzwerke (wenn sinnvoll und mit den „richtigen“ Menschen genutzt) keinen Mehrwert hätten!
Reflexion
Um es geradeheraus zu sagen: HIRNgegküsst ist zwar mit 113 Seiten Text kein dicker Wälzer, aber der Inhalt hat es in sich, und das meine ich positiv. Die lustig gemachte Verpackung mit dem anregenden Titel verwirrt vielleicht insofern ein wenig, als der Inhalt im Prinzip eine Mischung aus Lexikon und Kompendium ist. Es enthält Dutzende und teils sehr komplexe aber komprimiert beschriebene Tools, die Coaches, Therapeut*innen und weitere Menschen, die mit Menschen arbeiten, nutzen können. Dazu gehören natürlich auch Anwender*innen selbst, die sich entwickeln möchten. Ich stelle das deshalb an den Anfang, weil es aus meiner Sicht das wesentliche Alleinstellungsmerkmal ist. Ich habe noch nie ein Buch gelesen (und wie man auf dieser Seite sieht, lese ich nicht gerade wenig zu dem Thema), das so viel auf so wenigen Seiten so verständlich beschreibt. Das ist Segen und Fluch zugleich. Der Segen ist, dass Küchler mit seiner lockeren Schreibe, die immer wieder die Metapher des „HIRNkusses“ als förderliche Glaubenssätze (13) aufgreift, sehr viel Hilfreiches vermittelt. Er beschäftigt sich kaum mit psychologischen Nebenkriegsschauplätzen. Der Fluch ist, dass das auch fälschlicherweise dazu verführen kann, dass die Anwendung der Tools schnellen „Erfolg“ verspricht. Dazu komme ich weiter unten.
Wer sich mit Glaubenssätzen beschäftigt, weiß, dass das ein großes Fass ist, das sämtliche psychische Störungen oder auch einfach ungelebtes Potenzial berührt. Das ist eine große Aufgabe und wer das Buch liest, hat mit Sicherheit einen Wissens- und Motivationsgewinn, auch wenn er/sie sich noch nicht in der Tiefe professionell mit C. G. Jung, Byron Katie oder Michael Bohne auseinandergesetzt hat. Es ist eine wunderbare Stärke des Buches, dass diese und weitere Pioniere in ihren Arbeitsfeldern mitsamt detaillierter Quellenangaben in Verbindung mit ihren Konzepten und Beiträgen transparent behandelt werden. Am Ende findet man ein Literaturverzeichnis, das die Qualität des Buches vervollständigt und für den/die Leser*in Sprungbrett zum Weiterarbeiten ist. Gleichsam schwang bei mir bis zum Schluss die Frage mit, ob der Titel des HIRNkusses, auf den immer wieder, wohl zum Zwecke der Auflockerung und Stringenz, Bezug genommen wird, dem Buch nicht auch etwas nimmt. Das macht für mich den „Fluch“ auf der anderen Seite des Segens aus.
Es kann der aus meiner Sicht problematische Eindruck entstehen, dass die genannten Tools mit den sehr praxisorientierten Impulsen mal eben leicht umzusetzen sind. Küchler versucht immer wieder zu verdeutlichen, dass dem nicht so ist. Und er ist sich der Gefahr des „Tooligans“ von Beginn der Einleitung an bewusst, also der bloßen Ansammlung von Tools (11). Trotz der Achtsamkeit verleitet die Dichte und Anzahl der Ansätze, Werkzeuge und Impulsfragen in Kombination mit der vermeintlich lockeren Verpackung dazu, dem Tooligan-Trend trotzdem zu verfallen. Diese Spannung klingt nach, aber sie ist weniger eine Kritik in Richtung des Autors. Das Buch verdeutlicht, welche Kompetenz und Erfahrung hinter jeder einzelnen Seite steckt, sonst wäre jemand nie in der Lage, dieses Wissen so kompakt und praxisorientiert an eine heterogene Zielgruppe zu vermitteln. Vielmehr sehe ich das Buch als Zeugnis des aktuellen Buchmarktes, ja, des Zeitgeistes. Alles muss lustig, leicht und locker in klein verpackten Schrittchen daherkommen. Am besten wenig Fließtext und viele kleine Boxen mit Fragen und Bullet Points. Klar, das spricht erst mal an und motiviert mehr als: „Du hast Jahre und Jahrzehnte der inneren Heilungsarbeit vor Dir, um diese tiefsitzenden Glaubenssätze zu erkennen und mit neuen langsam zu verändern.“ Aber welcher Verlag lässt sich noch darauf ein? Und welche*r Autor*in hat noch eine Chance, der/die sich nicht auf das Marketingspiel von luftig locker verpackt einlässt (schon gar nicht, wenn jemand selbst weiß, wie wichtig das Geschichtenerzählen für die Menschen ist)? Die Idee mit dem Hirnkuss kann zweifelsfrei der Schöpfung des Autors entspringen und ist kreativ und vereinfachend. Aber sie nimmt dem Ganzen auch etwas aus meiner Sicht.
Fazit: Dieses Buch hat Wert für mich – persönlich und beruflich. Es beschreibt Teile meiner eigenen Reise so treffend, dass es mich sehr berührt hat. Allem voran ist da die Erkenntnis, dass man Schatten nicht loswerden kann, aber man darf sich selbst die Aufgabe stellen, sie anzunehmen und zu integrieren. Und das Thema Balance und Mittelweg, gerade bei einer Pippi Langstrumpf-Persönlichkeit (98 ff.), ist dabei eine Lebensaufgabe. Sie kostet Kraft, aber sie befreit und ermöglicht neues Leben. Der Autor selbst teilt vereinzelt, dass dahinter persönliche Erfahrung steckt, was die professionelle Distanz in keiner Weise schmälert. Hätte ich nach diesem Buch gefragt, wenn es nicht den kessen Titel hätte? Wahrscheinlich nicht. Hätte ich beim Inhalt auf die teils etwas ungelenk eingeworfenen Rückbezüge zum HIRNkuss verzichten können? Wahrscheinlich schon.
Blick in den Text – Highlights
1. Selbstbewusstsein
2. Integration von Schatten
3. Pippi Langstrumpf und Balance
Feedback
Inspiration & Empowerment
Tiefgang (fachlich)
Humor
Sprache und Verständlichkeit
Umfang (Angemessenheit Länge zu Inhalt)
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